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Irak-Krieg 2003 / 01.04.03 / Hilla / Streubomben
Hilla

Hilla 1
Foto: Reuters/Akram Saleh

Hilla 2
Foto: DPA

Ein Mann, der nach eigener Aussage bei dem Angriff auf Hilla elf Familienmitglieder verloren hat, beugt sich über den Holzsarg, in dem zwei getötete Kinder liegen.

Hilla 3
Foto: DPA

Eine Mutter bedeckt den Sarg mit der Leiche ihres getöteten Sohnes mit der irakischen Flagge.

Hilla 4
Foto: DPA

Hilla 5
Foto: AP

Opfer im Universitätskrankenhaus von Hilla, die den Angriff überlebt haben.

Hilla 6

Clusterbombe CBU-97

Hilla 7

Hilla 8

Clusterbombe CBU-87/B

BLU-97

Hilla 9

Clusterbomben-Bomblette

Cluster-Bomben auf Hilla

In der südirakischen Stadt Hilla, ca. 80 Kilometer von Bagdad entfernt haben am Montag/Dienstag die US Streitkräfte zum ersten Mal Streu-Bomben, sogenannte "Cluster Bombs" abgeworfen.
Anscheined nicht nur in Hilla, denn laut Nachrichtenagentur AFP teilte das Einsatzführungskommando in Katar am Mittwoch mit, US-Kampfbomber hätten am Morgen sechs Munitionsbehälter vom Typ CBU-105 über dem Landesinneren abgeworfen. Diese Streuwaffen könnten Wind und "widriges Wetter" ausgleichen und genau ihr Ziel ansteuern.

Vertreter des Komitees vom Roten Kreuzes (IKRK), die in Hilla nach dem Angriff vor Ort waren, berichteten, daß sie Dutzende von Leichen und Hunderte von Verletzten in Hilla und im Krankenhaus gesehen haben.
Von mindestens 33 Toten und 300 Verletzten, denen man zum Teil aufgrund der Splitterverletzungen Gliedmaßen amputieren musste, sprechen die Nachrichtenagenturen. Journalisten, die nach Hilla gebracht wurden, sahen einen Lastwagen, in dem Tote abtransportiert wurden.
Ein Reporter der AFP sagte, überall im Bombengebiet würden zahlreiche kleine Sprengbehälter mit Mini-Fallschirmen herumliegen

Die UNO Kinderhilfsorganisation UNICEF warnt am Mittwoch in New York vor dem Einsatz der Splitterbomben, weil sie wegen der äußerlichen Ähnlichkeit von Essenrationen, die von den verbündeten Truppen in Südirak verteilt werden eine Gefahr für irakische Kinder darstellen.
Die Verpackung der Rationen sei ebenso leuchtend gelb wie die Bomben vom Typ BLU-97, erklärte das UN-Kinderhilfswerk. Kinder könnten Blindgänger mit den Essensrationen verwechseln und dabei verletzt oder getötet werden.
siehe dazu: Tag 6/1
UNICEF forderte, die Farbe der Verpackung umgehend zu ändern.

Wie in den unteren Abbildungen zu sehen, trägt eine Clusterbombe zahlreiche, kleine Sprengkörper, die aus Splitter-Bombletten oder Minen bestehen.
In der Luft platzt die Cluster-Bombe auf und die Sprengkörper, von denen ganz unten eine des Typs BLU-97 zu sehen ist, fallen oder segeln an eigenen Fallschirmen zu Boden, wo sie teilweise detonieren oder bei Berührung explodieren. Die Wirkung ist einer fliegenden Handgranate zu vergleichen, bei der nach Explosion zahlreiche Schrapnells/Splitter die Menschen töten oder zerfleischen. Clusterbomben werden gerne wegen ihrer großen Streubereiche eingesetzt - die US Cluster-Bombe CBU-87 "bestreicht" z. B. eine Fläche von acht Fußballfeldern.

Mit dem Einsatz von Clusterbomben haben die alliierten Streitkräfte einen neue Stufe des Einsatzes unmenschlicher und grausamer Kriegsmittel beschritten, denn Cluster/Streu/Splitter-Bomben sollten nach Meinung vieler Nichtregierungsorganisationen völkerrechtlich geächtet werden.
Internationale Abkommen zur Ächtung der Cluster-Bomben sind bisher am Widerstand der USA gescheitert.
Der Einsatz von Cluster-Bomben in zivilen Gebieten verstößt generell gegen die Genfer Konvention (siehe unten) und stellt als "Terrorbombardierung" ein militärisches Mittel zur Demoralisierung der Zivilbevölkerung dar, wie es zum Ende des 2. Weltkrieges bei der Bombardierung von Dresden der Fall war.


Cluster-Bomben auch in Bagdad und Basra

Wie das britische Fernsehen BBC meldet, haben britische Truppen auch in Basra Streugranaten des Typs L-20 verwendet, die von Granatwerfern abgefeuert werden.

Vernon

Laut des britischen Truppensprechers Chris Vernon werden von den britischen Einheiten Clusterbomben als "legitime Munition gegen reguläre Streitkräfteauch im Irak-Krieg eingesetzt".
Wie der Vorfall in Hilla und die Bombenfunde in Bagdad zeigen, ist diese Aussage eine glatte Lüge.

Doch Militärsprecher Vernon steht nicht alleine da. So bezeichnete der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon am 06.04.03 den Einsatz von Streubomben durch britische Truppen als "vollkommen legitim", die Bomben würden zwar "kurzfristig schreckliche Konsequenzen" haben, aber dabei helfen, "Irak in ein besseres Land" zu verwandeln. Auf die Nachfrage von Journalisten, ob er denn glaube, dass Mütter, deren Kinder durch Streubomben getötet würden, den Bombenwerfern für diese Art der Befreiung dankbar sein könnten erwiderte er
"Eines Tages werden sie uns dafür vielleicht danken".


M-40 Bomblette
Splitter-Bomblette M-40

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Bilder von Bombenfunden am 03.04.2003 in Bagdad.
Es handelt sich dabei um Splitter-Bombletten, wahrscheinlich des Typs M-40, wenn man die Aufnahmen mit der Bomblette M-40 vergleicht.

Ich möchte an dieser Stelle die Presseerklärung zum Einsatz von Cluster-Bomben im Irak der wichtigen "Kampagne für ein Verbot aller Landminen!" des Deutschen Initiativkreises für das Verbot von Landminen wiedergeben, über deren Website umfangreiche und aktuelle Informationen zum Einsatz von Landminen und Cluster-Bomben im Irak, Afghanistan und anderen Kriegsgebieten abrufbar sind.
PRESSEERKLÄRUNG - US-Streubomben bedrohen irakische Zivilbevölkerung -

Nichtregierungsorganisationen sehen Verstoß gegen Genfer Konvention und befürchten eine humanitäre Katastrophe


(Berlin, 2. April 2003) US-amerikanische Bodentruppen setzen im Krieg gegen den Irak Streubomben ein, dies berichten gleichlautend US-amerikanische und britische Medien. Die humanitäre Situation der durch diesen völkerrechtswidrigen Krieg notleidenden Zivilbevölkerung wird sich dadurch zusätzlich verschlimmern. Anders als im Golfkrieg 1991 konzentrieren sich gegenwärtig die Kampfhandlungen in und um bewohnte Gebiete. Der Einsatz von Streubomben in solchen Regionen verstößt eindeutig gegen geltendes Völkerrecht. Zusammen mit vielen anderen internationalen Nichtregierungsorganisationen fordern die 17 im Deutschen Initiativkreis für das Verbot von Landminen zusammengeschlossenen Hilfswerke den sofortigen Stopp des Einsatzes von Streubomben und darüber hinaus ein generelles Verbot dieser Waffen.

Der Einsatz der Streubomben erzeugt eine hohe Anzahl von Blindgängern, die in erheblichem Maße Zivilisten und eigene Truppen gefährden. Streubomben-Blindgänger reagieren genau wie Landminen auf Kontakt oder Annäherung durch eine Person. Die ohnehin verheerende humanitäre Situation im Irak wird sich durch den Einsatz von Streubomben noch verschlimmern, wie auch in zurückliegenden Konflikten im Kosovo und in Afghanistan bereits leidvoll bewiesen haben.

Gegenwärtig werden die Streubomben von den US-Bodentruppen mit dem Artillerieraketenwerfer MLRS verschossen. Die MLRS-Rakete M26 ist dabei mit 644 M77 Submunitionen (Bomblets) bestückt, die unpräzise nach Abschuss über ein Zielgebiet von bis zu 240.000 qm verstreut werden. Die Blindgängerquote der M77 Submunition liegt bei 16 %. Auch das taktische Raketensystem ATACMS wird eingesetzt und kann mit bis zu 950 M74 Submunitionen bestückt werden. Blindgängerquote dieses Systems: 2 %. Laut BBC kommt offensichtlich auch die von Flugzeugen abgeworfene Munition BLU97 (Stückzahl pro Bombe: 202) zum Einsatz, welche vom Internationalen Roten Kreuz als extrem gefährlich beschrieben wird. Auch diese Munition verfügt über eine sehr hohe Blindgängerquote.

Als Folge des Golfkrieges von 1991 wurden laut Nichtregierungsorganisationen mindestens 4.000 Zivilisten von Streubomben-Blindgängern getötet oder verletzt. Die alliierten Streitkräfte hatten damals über 50 Millionen Submunitionen über dem Irak abgeworfen, wobei von einer durchschnittlichen Blindgängerquote dieser Systeme von 10% ausgegangen wurde. Die irakische Zivilbevölkerung sieht sich so allein seit dem vergangen Golfkrieg einer "Altlast" von nahezu 5 Millionen minenähnlichen Sprengfallen ausgesetzt. Ähnliches gilt für Landminen. Weit über zehn Millionen aus den zurückliegenden Golf-Konflikten stammende Landminen, haben in den letzten zehn Jahren mehr als 10.000 Opfer gefordert.

Die Hilfswerke des Deutschen Initiativkreises weisen mit Nachdruck noch einmal darauf hin, dass ein Angriffskrieg gegen die bestehende Charta der Vereinten Nationen verstößt.

Für Interviewwünsche und Nachfragen stehen wir gerne zur Verfügung:

Thomas Küchenmeister, Deutscher Initiativkreis für das Verbot von Landminen, Tel. +49-(0)30-446 858-14

Quelle
Filmaufnahme einer aufplatzenden Clusterbombe, die ihre Splitter-Bombletten freisetzt

Bild Bild Bild Bild Bild Bild


Zielaufnahmen vom Einschlag einer Cluster-Bombe

Wie man sieht, werden durch die Streuwirkung von Cluster-Bomben große Areale mit kleineren Detonationen bedeckt.
Werden Cluster-Bomben ohne Zielsteuerung und/oder in der Nähe bewohnter Gebiete abgeworfen, ist es unmöglich zu verhindern, dass unbeteiligte Zivilisten verletzt oder getötet werden. Auch die Räumung von Blindgängern nach Beendigung von Kampfhandlungen ist sehr aufwendig, da große Gebiete abgesucht werden müssen.
Selbst der Einsatz "nur" gegen feindliche Truppen ist abscheulich, weil die Soldaten durch Verstümmelungen kampfunfähig gemacht werden.

Vorher
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Nachher
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