Das Logo und der Wahlspruch der neuen Behörde der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), dem "Think Tank" des amerikanischen Verteidigungsministeriums, lassen erkennen, welches hohe Ziel mit Erforschung und Umsetzung des TIA Systems verbunden ist: Über das bekannte Motto "Wissen ist Macht" hinaus, scheinen die Pläne dem erweiterten Wahlspruch "Totale Wissenshoheit mittels technischer Überlegenheit ist Macht" zu folgen.
Die Umsetzung dieser und ähnlicher Pläne wird eine in großen Teilen un- und desinformierte Weltöffentlichkeit der totalen Kontrolle ausliefern.
Diese Wissenshoheit soll durch eine allumfassende und absolute Datengewinnung, -verarbeitung und -vorhaltung aus Quellen jeder Art, wie man sie sich vorstellen und noch nicht vorstellen kann, erreicht werden:
Daten, seien es Gesprächsinhalte, Texte, Beobachtungen, biometrische Kennzeichen oder Expertenmeinungen, werden in einem riesigen, verteilten Datenbanksystem, dessen Größenordnungen sich in Petabyte messen werden, gesammelt und automatisch analysiert. Projektionen und Analyseergebnisse stehen nicht nur jeder Geheimdienstbehörde zur Verfügung, sondern werden als Material in computergestützten Entscheidungsfindungs-, Experten und Krisenmanagementsystemen verwendet, die sich u. a. neuronaler Netzwerke bedienen.
Der ganze Apparat soll aber nicht nur der direkten Bekämpfung, Vorbeugung oder Ahndung terroristischer Bedrohungen dienen, sondern als "Orakel" Voraussagen und Zukunftsszenarien entwerfen, die die politische Entscheidungsfindung unterstützen sollen.
Angestoßen durch den Terroranschlag am 11. September vergangenen Jahres und der "Krieg gegen den Terror" Kampagne der US-Regierung, entwirft das IAO in der Vorstellung seiner Pläne zur Errichtung des TIA Systems das Bild eines Amerikas, das sich zur Zeit trotz der großen Militär- und Geheimdienstkapazitäten hilflos zeigt gegenüber der schlimmsten Bedrohung, die Amerika gefährlich werden könnte - dem Terrorismus.
Terroristen würden sich überall auf der Welt frei bewegen, problemlos verstecken und Unterstützung finden und durch ihren Stil eines Kampfes niedriger Intensität und kleiner, beweglicher Zellen jederzeit sporadische Anschläge begehen, Massenvernichtungswaffen nutzen und über das Medienecho den Handlungsspielraum der Regierungen einschränken können.
Zwar würden Terroristen Hinweise und Spuren hinterlassen und spezielle Merkmale aufweisen, die sich zu einer wieder erkennbaren "Informations-Signatur" verdichten, keiner der US-Geheimdienste und Regierungsbehörden wären aber dahingehend optimiert, diese Signatur stets zu erkennen und zu verarbeiten, ausreichend schnell zu reagieren oder, bedingt durch Ämterhierarchie und Kompetenzgrenzen, schnell und problemlos zusammenzuarbeiten.
Diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr22, denn gerade die US Geheimdienste waren vor und nach dem 11. September wegen ausgebliebenen Vorwarnungen und anschließenden Ermittlungspannen erheblichen Vorwürfen ausgesetzt. Als ein Grund für die Fehler der Geheimdienste war die große Menge sicherheitsrelevanter Daten, deren Missinterpretation und mangelhafte Auswertung ausgemacht worden.
Für die DARPA Behörde liegt der Schlüssel zur Lösung all dieser Probleme in der Errichtung einer neuen, dynamischen Geheimdienstinfrastruktur, der Entwicklung und dem Einsatz revolutionärer Informations- und Datenverarbeitungstechniken, die es erlauben, eine noch größere Menge an gesammelten Daten zu verarbeiten um so dem "Krieg gegen den Terror" zum Erfolg zu verhelfen.
Die veranschlagte Forschungs- und Erprobungsphase erstreckt sich über einen Zeitraum von 5 Jahren, ab 2005 sollen einsatzfähige Prototypen aller Projektbereiche zum Einsatz kommen, die danach nur noch verfeinert werden. Ab 2007 sollen alle Komponenten arbeiten.
Die Ausnahme bildet das GENOA System, dessen Entwicklung bereits im Jahr 2000 begann und sich in praktischer Erprobung bei der DIA befindet.
Bei der Umsetzung und Erprobung der TIAS Projekte sind alle US Geheimdienste beteiligt, wie z. B. Die Defense Intelligence Agency (DIA) oder das U.S. Army Intelligence and Security Command (INSCOM), das eine große Rolle bei dem Betrieb von ECHELON Anlagen wie die in Bad Aibling spielt und in dessen Hauptquartier in Fort Belvoir die ersten Prototypen nach Fertigstellung eingesetzt werden.

Alle beteiligten Firmen, Organisationen und deren Mitarbeiter müssen eine strenge Sicherheitsüberprüfung (Clearance) bestehen und sind zu absoluter Geheimhaltung verpflichtet. Ausländische Firmen sind nur für Projektanteile zugelassen, die als "deklassifiziert", bzw. "nicht geheim" eingestuft wurden.
Unter den Beteiligten finden sich Namen wie IBM, SAIC, Visionics sowie alle namhaften US Universitäten und Laboratorien.
Das jährliche Budget, das allein jedem beteiligten Projektpartner für ein Forschungsprojekt zur Verfügung steht, bewegt sich im Bereich von $200.000 bis $1.000.000 Dollar, bei ca. 75 Beteiligungen (Stand April 2002) macht das für den anvisierten Zeitraum bei Ausschöpfung des Maximums 375 Mio. US-Dollar.
Die Ankündigungen und verklausulierten Beschreibungen der Einzelprojekte des TIA Systems erinnern an die Kapazitäten futuristischer Entwürfe technischer Kontroll- und Überwachungssysteme, wie man sie aus George Orwells berühmten Roman "1984" oder John Brunners "Der Schockwellenreiter" kennt, vieles erscheint nach dem heute bekannten Stand der Technik und Problemen, z. B. Auf dem Gebiet künstlicher Intelligenz, als gar zu fantastisch.
Sollten sich aber die ambitionierten Pläne des IAO tatsächlich verwirklichen, könnte diese Maschinerie zur Bekämpfung der terroristischen Bedrohung zur größten Bedrohung der Privatsphäre seit Errichtung des ECHELON Systems werden. Denn ausgehend von den angestrebten Kapazitäten und Möglichkeiten, stellt es das ambitionierteste Projekt der Geheimdienstgemeinde seit Errichtung und Ausbau des ECHELON Systems dar.
Mit dem Aufbau eines neuen Überwachungssystems geht in den Vereinigten Staaten auch eine Veränderung der rechtlichen Rahmenbedingungen einher. Noch binden auch in den USA Datenschutzgesetze - wenigstens offiziell - die Geheimdienste. Offiziell ist es z. B. der NSA untersagt, Inlandsspionage gegen amerikanische Bürger zu betreiben.
Die weitreichenden Möglichkeiten eines Systems wie TIA sind aber nur umzusetzen, wenn mit der Umsetzung des TIAS eine weitreichende Erweiterung der Geheimdienstbefugnisse und eine kompetenz- und befugnisübergreifende Zusammenarbeit aller Geheimdienste verknüpft wird.
Erste Anfänge dazu sind mit dem Patriot Act und den Gesetzesvorhaben im Umfeld des neu gegründeten Department of Homeland Security [DHS] gemacht.
Das DHS fungiert als zentrale Koordinationsstelle für alle U.S. Geheimdienste und bündelt die geheimdienstlich gewonnenen Daten, Informationen und Analysen aller Geheimdienste, die formale Trennung zwischen den verschiedenen Geheimdienstbehörden wird somit aufgehoben.
Auf der nächsten Seite werden die Kernkomponenten des TIA Systems vorgestellt.