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Stadt in Angst
Sendemanuskript des SWR2 Wissen-Beitrags
Stadt in Angst
Wie Sicherheitsdenken urbanes Leben verändert

Autor: Hans-Volkmar Findeisen
Redaktion: Udo Zindel
Regie: Günther Maurer
Sendung: Dienstag, 9. Oktober 2001, 8.30 Uhr, SWR 2
Archiv-Nr. 051-1859

Bild


Sprecher:
Die Städte sind sich ihrer selbst überdrüssig geworden. Viele Bewohner mögen die Obdachlosen, die Bettler und Drogenabhängigen nicht mehr sehen, stören sich an Müll und Dreck auf den Straßen, die Angst vor Verbrechen grassiert.

Ordnungskräfte weisen immer mehr soziale und kriminelle Brennpunkte aus. Nicht nur die Bürger machen sich Sorgen. Politiker, Einzelhändler, Eventmanager und Firmen, die für ihre Führungskräfte ein attraktives Umfeld wünschen, selbst die Deutsche Bahn AG haben Sicherheit und Sauberkeit längst als Thema und als Standortfaktor entdeckt. Mit Sicherheits-Kampagnen kann man das Image verbessern, Geld verdienen und Politik machen. Das allgemeine Sicherheitsstreben drückt sich auch in das architektonische Weichbild der Städte ein. Um die Sicherheit zu erhöhen, setzen öffentliche Stellen derzeit vor allem auf Überwachung.

Ansagerin:
Stadt in Angst. Wie Sicherheitsdenken urbanes Leben verändert. Eine Sendung von Hans-Volkmar Findeisen.

Die Zahl der elektronischen Kameras in Bahnhöfen, auf Straßen und Plätzen hat sprunghaft zugenommen. Vorreiter ist Großbritannien. Auf 50 Briten kommt mittlerweile ein Überwachungsgerät, etwa eine Million Kameras insgesamt überwachen das Leben auf den britischen Inseln. Viele deutsche Städte haben mittlerweile die Absicht bekundet, es dem britischen Vorbild gleichzutun, allen voran Leipzig und Mannheim.

Doch die Zahl der Straftaten ist in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre tatsächlich gesunken, auch die der schweren Gewaltdelikte. Das sagt die im Mai von Bundesinnenminister Schily veröffentliche Kriminalstatistik des Jahres 2000. Dennoch sind die Leute verunsichert, rufen öfter die Polizei und zeigen öfter an. Auch das weist die Kriminalstatistik aus.

Sicher ist in der Diskussion nur eins: Das persönliche Sicherheitsgefühl der Bürger, ihre Wahrnehmung und die der beruflich mit Sicherheit beschäftigten Personen, Kriminalisten und Städteplaner zum Beispiel, bewegen sich auf getrennten Wegen.

Kritische Kriminalisten, viele auch in den Reihen der Polizei, sagen offen: Das Gerede von der zunehmenden Kriminalität ist ein Märchen, ein Mythos, ein soziales Konstrukt wie all unsere Vorstellungen von der Realität. In der amerikanischen Kriminalsoziologie spricht man von "modern tales", modernen Legenden. Dennoch besitzen diese Legenden der Moderne eine enorme Macht. Nehmen wir das Beispiel Stuttgart. Martin Schairer, der neue Polizeipräsident, beansprucht für die Stadt eine Art sicherheitspolitische Vorreiterrolle.

O-Ton 1
Wir haben seit 1997 in Stuttgart, und nicht nur in Stuttgart, sondern das ist in ganz Baden-Württemberg und in ganz Deutschland inzwischen so, sogenannte Sicherheitsbeiräte gebildet, dass also in allen Stadtteilen vom Bezirksbeirat, von dem örtlichen Polizeirevier und auch sonstige Bürger in sogenannten Sicherheitsbeiräten sitzen, die sich im Grunde um jede Lampe kümmern, um jeden Spielplatz, die in diesem Bereich liegen. Und von der Struktur her haben wir im Moment eine ganz optimale Kommunikation zwischen Bürger Stadtverwaltung und Polizei und den Sicherheitsbedürfnissen, indem nämlich wirklich also jeder Quadratmeter eines Stadtteils unter diesem Sicherheitsgesichtspunkt und der Vorsorge durchgecheckt wird.

Sprecher:
Vorbild dieser wehrhaften Vorsorge bildete in den neunziger Jahren New York City. Die amerikanische Metropole hat es damals unter dem Slogan "Zero Tolerance"- "Null Toleranz" am besten verstanden, die Idee vom großen Überwachen und Aufräumen in den Städten international zu vermarkten. Junkies, Penner und Prostituierte wurden aus der Innenstadt vertrieben und die schmutzigen Ecken und Schandflecke etwa in der U-Bahn beseitigt. Dahinter stand ein Präventionskonzept aus den 50er Jahren: die sogenannte "broken windows" Theorie. Sie orientiert sich an der Sichtbarkeit: Ist irgendwo ein Fenster eingeschlagen oder liegt Unrat herum, wirkt dies wie ein Magnet. Das kleine oberflächliche Vergehen, so die Überzeugung, zieht bald auch den noch nicht sichtbaren Rest des Bösen an. Um es nicht soweit kommen zu lassen, bedarf es der Transparenz und Sauberkeit. Das wird auch in Stuttgart so gesehen. Die Stadt startete eine mittlerweile in ganz Deutschland kopierte Sauberkeitskampagne. Ihr englisch-schwäbischer Slogan: "Lets putz". Ein besonderes Augenmerk richtet die Stadt auf die Grünflächen, erzählt Klaus-Jürgen Evert, stellvertretender Leiter des Garten- und Friedhofsamtes:

O-Ton 2
Um das Sicherheitsbedürfnis der Bürger zu erhöhen, findet eine Besprechung mit der örtlichen Polizei und auch der Ordnungsbehörde statt, und dann wird über Maßnahmen beratschlagt. Wir seitens der Grünflächenverwaltung gehen oft hin und machen solche Parks transparenter. Ein sehr gutes Beispiel ist hier in Stuttgart der Stadtgarten. Vor vielen Jahren hatte sich in dem Stadtgarten eine Drogenszene breitgemacht, und als wir dann hingegangen sind und die ganzen Sträucher gerodet haben, so dass die vorhandenen Bäume nur noch hainartig dastanden, war auf einmal die Drogenszene weg. Und das sind Maßnahmen, die sehr effektiv sind und die auch von uns unterstützt und durchgeführt werden.

Sprecher:
Aus den Augen, aus dem Sinn? In New York City führte das Aufräumen der Innenstadt zu einem Anstieg der Kriminalität im unmittelbar benachbarten Bundesstaat New Jersey. Durch Platzverweise und ausgelichtete Parks wird das Böse nicht aus der Welt geschafft, sondern nur verschoben. Das ahnen mittlerweile auch die Verantwortlichen, wenn sie im Frühjahr die Sägen kreischen und das innerstädtische Unterholz im Shredder verschwinden lassen. Mithin geht es, wie die Entscheidungsträger einräumen, nicht um Sicherheit, sondern um das Sicherheitsgefühl der Bürger. Der Schutz der Kinder etwa gilt seit ein paar Jahren als besonders heikles Thema. Doch Gefühle unterliegen Moden - wie auch die Interpretation der polizeilichen Statistik. Dass heute mehr Kinder als früher vom Schulweg oder Spielplätzen verschwinden, missbraucht oder gar ermordet werden, gilt der öffentlichen Meinung als ausgemacht. Tatsächlich hat sich die Zahl solcher Fälle in Deutschland seit Kriegsende konstant auf etwa ein Dutzend pro Jahr eingependelt. Zu Zeiten der autogerechten Stadt kamen auf die städtischen Gartenbauer andere Elternwünsche zu: Ein von Autos und Verkehrslärm freies, von dichtem Bewuchs umgebenes Stück Natur hielt man damals für die ideale kindgerechte Umgebung. Das ist jetzt anders.

O-Ton 3
Vom Sicherheitsempfinden der Bevölkerung müssen wir in den letzten zehn Jahren für mehr Transparenz sorgen, das heißt, in den sechziger und siebziger Jahren war das überhaupt kein Thema, Spielplätze räumlich abzugrenzen, schallschluckende Pflanzungen zu machen, wobei man sagen muss, eine Pflanzung ist selten schallschluckend vom Physikalischen her, sondern rein psychologisch, und mittlerweile müssen wir aber bei sehr vielen Kinderspielplätzen diese Bepflanzungen auflockern, das heißt Sträucher wegnehmen, um dadurch für mehr Transparenz zu sorgen. Das heißt, die soziale Kontrolle, das, was sich auf den Kinderspielplätzen abspielt, ist auch von außen einsehbar, und dadurch ist das Sicherheitsempfinden auf den Spielplätzen für Mütter und Kinder vergrößert.

Sprecher:
Die Vorstellung, dass die Stadt ein Dickicht oder ein großer Dschungel sei, ist so alt wie die moderne Großstadt selbst. Als Metapher ist sie in die Literaturgeschichte eingegangen. Wie bereits Mitte des vorletzten Jahrhunderts Baron Haussmann in Paris große Boulevards durch die Stadtviertel schlagen ließ, unter anderem damit im Ernstfall Polizei und Militär rascher zur Stelle sein konnten, so hat auch die moderne Architektur und Stadtplanung stets auf Transparenz gesetzt. Nun natürlich mit dem Anspruch, dass der Bürger selbst in einer Demokratie der Souverän und oberste Kontrolleur ist. Heute gibt es einen gläsernen Reichstag, gläserne Rathäuser und demnächst sogar eine gläserne Automobilfabrik von VW in Dresden. Derlei ist modern, aber nicht neu. Der Gedanke architektonischer und städtebaulicher Transparenz zieht sich durch - vom Bauhaus in den zwanziger Jahren bis in die Gegenwart.

Auf dem Gleisgelände des Stuttgarter Hauptbahnhofs soll jetzt "Stuttgart 21" errichtet werden, eine Erweiterung der Innenstadt, ein komplett neu gebautes Viertel. Die Verantwortung für das Jahrhundertprojekt liegt in der Hand von Stadtbaudirektor Uwe Stuckenbrock. Der Wunsch nach Sicherheit und Kriminalprävention - inwieweit spielen diese Begriffe bei den Planungen eine Rolle?
Wie plant man eine sichere Stadt?

O-Ton 4
Sowohl bei uns in der internen Stadtplanungsdiskussion als auch in Gesprächen mit Investoren nehmen wir das nicht als primäre Fragestellung wahr. Ich stelle fest, dass die Frage nach dem Maß der Nutzung, nach der Art der Nutzung, also was kann man dort in welchem Umfang realisieren, dass das ganz wichtige Fragestellungen sind, das sind eigentlich die vorrangigen Fragestellungen. Wenn ich auch meine Ausbildung als Stadtplaner anschaue, dann hat dieser Aspekt der Sicherheit eigentlich meiner Wahrnehmung nach keine besondere Rolle gespielt, nur sehr indirekt, also dass man klare Straßenräume aufbauen sollte, aber das waren mehr formale ästhetische Gesichtspunkte, aber nicht so die Frage, wie fühlt sich ein Mensch, welche Gefühle im Hinblick auf Angst oder Sicherheit löst diese Stadt oder dieser Straßenraum aus. Es war mehr so eine implizite Fragestellung, wenn ein Straßenraum gut gestaltet ist, übersichtlich gestaltet ist, dann ist das sozusagen kein Thema mehr. Aber es gibt, glaube ich, auch keine Theorie, keine Städtebauliche Theorie der Sicherheit oder der sicheren öffentlichen Räume.

Ja, ich muss sagen, das ist ein Aspekt, der..., in letzter Zeit wird der sehr deutlich, vielleicht in den letzten zwei, drei Jahren habe ich das besonders wahrgenommen. Angsträume sind die Fragen der Bürger eigentlich, auch der Bürgerinnen, die uns das fragen, wie macht Ihr das oder wie sollte es sein. Und ich muss eigentlich immer wieder feststellen, dass wir ein bisschen verlegen reagieren, nicht. So ganz grobe Beispiele können wir natürlich nennen, vermeide Unterführungen, die dunkel sind, oder achte darauf, dass der Straßenraum gut ausgeleuchtet ist.

Wenn ich jetzt sagen sollte, ich erkenne genau den Zusammenhang zwischen einer städtebaulichen Form und den Gefühlen, die die Menschen dabei haben in Bezug auf Sicherheit, auch in Abhängigkeit von, Konjunkturlagen, die verschiedene Angst produzieren, kann ich nicht sagen, daß ich diesen Zusammenhang jetzt so als wissenschaftliche Aussage machen könnte. Das ist also ein bisschen schwierig (lacht verlegen).

Sprecher:
Das klingt etwas hilflos, doch nur beim ersten Hinhören. Jahrzehntelang dachten Stadtplaner funktionalistisch. Städte stellten sie sich vor wie große Fließbänder oder Produktionsanlagen. Produktion verlangt nach Arbeitsteiligkeit, und so wiesen die Städteplaner in der Vergangenheit unterschiedliche Nutzungsbereiche aus: für Gewerbe, Wohnen, Freizeit. Man hielt die Entwicklung einer Stadt für steuerbar. Und in Amerika denkt man bis heute so. Man errichtet noble Hochsicherheitsviertel, so genannte "gated communities". Sie sind von Mauern umgeben, hinter die sich die Vermögenden nach Feierabend zurückziehen können. Die Armen müssen draußen bleiben und werden damit höchstens anderen Armen noch zum Sicherheitsproblem. Armut als sozialer Missstand wird nur noch polizeilich behandelt.

Europäische Planer wie Stuckenbrock denken die Stadt mittlerweile eher in den Bildern eines lebenden Organismus. Gegenüber der amerikanischen Urbanistik besinnt man sich hier wieder mehr auf die Eigenart der europäischen Stadt. Man glaubt an eine eher natürliche Durchmischung der Viertel und geht davon aus, dass die Entwicklung einer Stadt von vielen Faktoren abhängt. Die Kriminalitätsfurcht und das Sicherheitsgefühl der Menschen sind dabei besonders variable und weiche Faktoren. Stuckenbrock plädiert daher unter Umständen für einen eher spielerischen Umgang mit dieser Frage. Im "Stuttgart 21" benachbarten Zeppelin-Carree, außerhalb der Geschäftszeiten ein eher menschenleerer Ort, hat man zum Beispiel im Rahmen von Aktionswochen künstlerisch gestaltete Schaufenster Puppen aufgestellt - mit einem interesssanten Nebeneffekt: Sie täuschen Laufkundschaft vor, wo keine ist, mit dem Ergebnis, dass die Innenhöfe wieder besser angenommen und die Lokale wieder besser besucht wurden. Nicht immer also nutzt es, nach der Polizei zu rufen. Die hat mit der Kriminalitätsfurcht sowieso ihre liebe Not. Alle zwei Jahre führt die Stuttgarter Polizei unter den Stadtbewohnern einschlägige Erhebungen durch, erzählt Martin Schairer:

O-Ton 5
Wenn man mal nachfragt, weshalb sie sich unsicher fühlen, dann stellt man fest, dass es ganz erstaunliche Gründe sind, zum Beispiel nicht etwa, weil in ihren Wohnungen eingebrochen wird oder weil Autoaufbrüche stattfinden, sondern weil die Autos zu schnell fahren, weil zu sehr wild durcheinander geparkt wird, weil Müll und Unrat auf den Straßen sind. Und vor allem fühlen sich die Bürger dort unsicher, wo sie nicht wohnen, also in fremden Stadtteilen, in anderen Teilen, also das Unsicherheitsgefühl speist sich in der Regel nicht aus den objektiven Kriminalitätsdaten, sondern aus völlig irrationalen Daten. Das nehmen wir aber trotzdem als Polizei ernst, erklären die Sicherheit in dieser Stadt und versuchen auch diesem Unsicherheitsgefühl entgegenzuwirken in Verbindung mit der Stadt, indem man heutzutage eine sichere Stadt nicht nur als eine Stadt begreift, die sicher vor Kriminalität ist, sondern die auch keine Angsträume hat, und dann sind wir natürlich bei dem ganzen Thema des Bauens, des Planens, der Begrünung und der Gestaltung und dem Miteinander und dem Leben in einer Stadt. Soweit geht das inzwischen.

Sprecher:
Ähnliche Befragungen gibt es auch in anderen deutschen Städten, zum Beispiel in Frankfurt. Dort geschehen laut Umfragen doppelt so viele Verbrechen wie in Stuttgart. Doch die Bevölkerung fühlt sich nach der Statistik doppelt so sicher wie in Stuttgart. Ganz überwiegend erregen sich die Leute in solchen Umfragen über Schmutz und die sichtbare Seite der Kriminalität. Andere Bereiche wie die Wirtschaftskriminalität verzeichnen derweil zweistellige Wachstumsraten. Und 80% der Polizeieinsätze gehen nicht auf jugendliche Handtaschenräuber und andere Kleinkriminelle, sondern auf häuslichen Streit und Gewalt in Familien zurück. Doch seit Jahren verdonnert die Politik die Stuttgarter Polizei dazu, gemeinsam mit dem Bundesgrenzschutz in spektakulären Aktionen ein paar Junkies aus dem Zentrum zu vertreiben. Aber Junkies sind längst nicht mehr "die Drogenszene", erzählt der Polizeipräsident:

O-Ton 6
Wir reden bei der Drogenkriminalität immer über diejenigen Drogen, die Verelendung gebracht haben, die so eine Szene produzieren, wo man den Junkie hat, der in der Ecke liegt, der verwahrlost ist, und das ist sozusagen die Drogenszene, die wir seit 20 Jahren eigentlich haben. Es gibt aber noch eine völlig andere Drogenszene, die sogenannten neuen Drogen, die ich für mindestens genauso gefährlich halte und über die eigentlich nicht so sehr geredet wird, weil man einfach die Konzepte wohl noch nicht hat, um diese Drogen zu bekämpfen. Das sind die neuen Drogen, die synthetischen Drogen, bei uns in Stuttgart vor allem Exstasy, wo natürlich eine sichtbare Drogenszene gar nicht da ist. Das ist die Spaß- und Fungeneration, die in die zahlosen Technodiskos und Housediskotheken hier in Stuttgart geht, die Spaßgeneration, wo man fit ist. Das wird natürlich nicht wahrgenommen als kriminelle Szene, und doch ist es im Grunde Kriminalität, wenn man sich Exstasy-Tabletten beschaffen muss, und wir schätzen, dass wir in Stuttgart etwa einen Austausch von Exstasy-Tabletten, das ist eine verbotene Droge, von 50-60000 Stück an einem Wochenende haben. Auch das ist eine Szene, die aber das Sicherheitsbedürfnis und das Sicherheitsgefühl des Bürgers nicht berührt, im Gegenteil, man ist ja letztenendes stolz darauf, dass in Stuttgart eine Jugendszene da ist, wo Leben in der Bude ist, wo man einen Event hat, wo die Leute in die Stadt hineinkommen und wo sie sich wohlfühlen, und die Begleiterscheinungen, die stören einen aber als Bürger in seinem Sicherheitsgefühl nicht, die stört nur die Polizei, weil damit nämlich Kriminalität verbunden ist. Es ist eine saubere Kriminalität, und die alte Drogenszene war eine dreckige, sichtbare Kriminalität.

Sprecher:
An den innerstädtischen Brennpunkten Stuttgarts, wo Dealer und Junkies zusammenkommen, wollte die Polizei wie in anderen Städten Überwachungskameras installieren. Jetzt hat ihr der Stadtrat nach wochenlangen Diskussionen ein halbes Dutzend genehmigt, und niemand hat dagegen protestiert, weil sowieso alle Verantwortlichen wissen, dass dies nur der Kosmetik dient. Auch Manfred Müller weiß das. Bei den Stuttgarter Straßenbahnen leitet er den Unternehmensbereich Infrastruktur. Das Unternehmen befördert jährlich 155 Millionen Fahrgäste. In den letzten Jahren registrierte man in den Zügen und Stationen des Verkehrsnetzes zwischen fünf und zehn Straftaten pro Jahr, bei denen Gewalt im Spiel war. U-Bahn-Haltestellen und Unterführungen gelten in der Öffentlichkeit als klassische Angsträume und Treffpunkte der Drogenabhängigen. Das sind die städtischen Brennpunkte, von denen immer die Rede ist. Müller sieht das nicht so.

O-Ton 7
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir besonders sichere Verhältnisse haben an den Brennpunkten. Je mehr Fahrgäste in einer Haltestelle sind, je mehr Fußgänger in einer Unterführung, desto höher ist das Sicherheitsniveau. Uns machen, wenn dann eher Haltestellen oder Unterführungen nicht nur Kummer, sondern mehr Sorgen, wo wenig los ist, auch wenig los ist in späten Abendstunden, beispielsweise auch rein gefühlsmäßig eine Unterführung, wo eben ab neun Uhr Totenstille ist, was das überörtliche Fußgängeraufkommen anbelangt. Wir sind dankbar um jeden Fußgänger, der zusätzlich, auch wenn er nicht mal unser Fahrgast wäre, der zusätzlich in unsere Unterführungen kommt.

Sprecher:
Die Haltestellen der Verkehrsbetriebe sind mit Videokameras ausgestattet. Sie dienen in erster Linie der Überwachung der Bahnen. In der Leitzentrale können die Bilder bei Bedarf zur Polizei durchgeschaltet werden. Mehr Kameras zu installieren, hält das Unternehmen nicht für sinnvoll, da weder die Straßenbahnen noch die Polizei das Personal besitzen, um deren Bilderflut auszuwerten.

Die Praktiker wissen, dass es keinen Sinn macht, bestimmte Brennpunkte und Personengruppen als besonders verdächtig hervorzuheben. Das Verbrechen ist überall - Kriminalität ist ein offener Prozess. New York City, das Mekka der Sicherheits- und Überwachungspolitik ist voll von Überwachungskameras, privaten Sicherheitsdiensten und abgeschirmten Ghettos der Wohlhabenden. Spionagesatelliten sind heute in der Lage, kleinste Einzelheiten aus dem All noch in der Größe eines Taschentuchs zu erkennen. Computerprogramme der Geheimdienste wie das amerikanische Programm "Echelon" filtern jede e-mail, jeden Anruf mit dem Handy, jeden Datensatz. Wie der Anschlag auf das World Trade Center auf tragische Weise gezeigt hat, hilft aber der beste Sicherheitsapparat nichts, wenn das Verbrechen dort zuschlägt, wo es die starre Sicherheitsphilosophie der Ordnungskräfte nicht erwartet.

In mobilen Gesellschaften sind auch Kriminelle hochmobil geworden, vom weltweit operierenden Terroristen bis zum kleinen Drogendealer in deutschen Innenstädten.

O-Ton 8
Früher hatten wir ganz eindeutige Schwerpunkte für das Dealen und für das Kaufen in den U-Haltestellen, aber hier wird die ganze Szene ja nach der Taktik der Stuttgarter Polizei permanent in Bewegung gehalten und verdrängt, so dass diese Haltestellen nicht mehr als ausgesprochene Schwerpunkte zu bezeichnen sind, sondern wir haben heute auch in den Vororten diese Dinge, also praktisch Hinfahrt der Dealer an irgendwelche Haltestellen, wobei als neues Kriterium ja dazukommt, dass die Szene selbst mobil ist, da sie sich ohne Weiteres mit Handys an den einzelnen Orten verständigt oder dass Kaufinteressenten an einer Haltestellen stehen und erkennen, dass die Verkäufer in den Bahnen kommen und an Nachbarhaltestellen ihre Kollegen dort informieren können, der Dealer ist auf dem Weg in diesem und diesem Zug. Also wir haben beispielsweise Verdrängungen bis nach Ostfildern ...

Sprecher:
Im Klartext: Der Dealer überschreitet die Kreisgrenze und fährt zum Dealen ins Umland, wo eine andere Polizeidienststelle für ihn zuständig ist. Nach Untersuchungen des Hamburger Drogenforschers Sebastian Scheerer ist der Konsum von Drogen auf dem Land gleich hoch wie in der Stadt. Städtische Brennpunkte sind nicht mehr identifizierbar. Gerade in den Ballungsräumen verschwimmen die Grenzen zwischen Stadt und Land.

Auch die demographische Entwicklung in Europa wird die Topographie der Sicherheit nachhaltig verändern. Bis zur Jahrhundertmitte werden unsere Städte etwa 40 Prozent ihrer Bevölkerung verloren haben. In ostdeutschen Großstädten beginnt sich das schon heute abzuzeichnen. Städte wie Leipzig arbeiten bereits an Szenarien, nur das Zentrum und die vitalen Kerne der Stadtteile zu erhalten. Die dazwischenliegenden Flächen, von den Städteplanern "Plasma" genannt, sollen abgerissen und mit Parklandschaften oder Wald begrünt werden.

Was für Städte werden das noch sein? Dass die Kehrseite des global zu beobachtenden Verstädterungsprozesses die Auflösung der traditionellen Stadt und ihrer Identität ist, trifft sich mit einer These des französischen Soziologen Jean Baudrillard. Baudrillard glaubt, dass in der Kriminalitätslandschaft der Zukunft nicht nur identifizierbare Tatorte, sondern auch klare Täterprofile und eindeutige Tatmotive verschwinden werden. Die zielgerichtete Gewalt werde in eine Anonymität von Hass und Vandalismus mutieren. Um Müll zu beseitigen und blindwütige Zerstörungen zu reparieren, muss die Stadt Stuttgart schon heute allein im Bereich der Grünflächen pro Jahr über vier Millionen Mark ausgeben, und dies nicht nur in der Innenstadt. Eine ähnliche Tendenz zeichnet sich bei den Verkehrsbetrieben ab, sagt Manfred Müller:

O-Ton 9
Wenn ich die Statistik anschaue über mutwillige Beschädigungen, Vandalismus, Grafitti und so weiter, dann sind unsere unterirdischen Bauwerke, unsere unterirdischen Haltestellen nicht die hauptsächlichen Zielpunkte. Wir haben also hier seit 1990, so lange die Statistik geht, einen Schadensbetrag, der um 100.000 D-Mark herum oder darunter liegt. Viel mehr Schäden haben wir an den oberirdischen Betriebsanlagen, an Haltestellen, an Wartehallen und so weiter. Dort hat sich der Schadensanteil vielleicht von 1990 50.000 D-Mark ganz grob auf heute rund 300.-350.000 D-Mark erhöht. Aber es ist nicht klar festzulegen, was ist die Ursache dieser Schäden, sondern es gibt plötzlich einmal ein Wochenende, öfters verlängerte Wochenenden, wo dann am Montagfrüh Schadensmeldungen da sind, 15-20 Wartehallen sind die Scheiben beschädigt. Möglicherweise ist dies immer nur Mutwilligkeit oder Überdruss. In der Regel bekommen wir die Täter nicht.

Sprecher:
Unter Umständen, auch dies deutet Manfred Müller an, mögen die Haltestellendemolierer nicht irgendwelche zwielichtigen Gestalten sein, sondern ganz honorige Familienväter, die nur mal sauer sind, weil ihnen am Samstagabend nach der Kneipe die letzte Bahn vor der Nase wegfährt. Wenn die Anzeigen beim zuständigen Sachbearbeiter der Polizei landen, stehen sie schon längst wieder als ordentliche Angestellte hinter dem hochsicherheitsgeschützten Tresen ihrer Sparkasse. Den Typ des Straftäters, der kontrolliert die Sau raus lässt, seinen Konsum an Rauschmitteln und seine Gewaltausbrüche in den wöchentlichen Arbeitsrhythmus und eine bürgerliche Existenz einbinden kann, kennt man im Polizeialltag noch nicht lange. Aber es scheint, dass der blinde Hass zunehmen und sich die gängige Vorstellung von Gewalt relativieren wird. Doch vielleicht muss man auch das Problem von einer ganz anderen Seite betrachten. Vielleicht gehört das Moment der Gefahr zur modernen Stadt wie die Hochhäuser und U-Bahnschächte. Uwe Stuckenbrock, der Planer von "Stuttgart 21", meint:

O-Ton 10
Ich finde, es darf so sein, dass eine Stadt eben ab einer bestimmten Zeit zur Ruhe kommt und dann auch unsicher wird, vielleicht unsicher wird oder Unsicherheitsgefühle erzeugt. Vielleicht ist das ganz gut, dass man dann auch wieder spürt am nächsten Morgen, dann belebt sich die Stadt wieder, und sie wird wieder sicherer. Wenn Sie keinen Unterschied mehr zwischen Sicherheit und Unsicherheit merken, wissen Sie auch nicht, wann Sie sich sicher oder unsicher fühlen. Dann laufen Sie sozusagen mit einem Dauergefühl rum (lacht). Vielleicht ist es ganz gut so, dass man das akzeptieren kann. Vielleicht ist es auch gut so, dass man spürt, in der Stadt gibt es auch unterschiedlich sichere Bereiche, ja, vielleicht ist das ganz gut. Also, wer sich auf Stadt einlässt, braucht auch etwas Mut, ja. Die soziale Sicherheit, die es vielleicht in manchen kleineren Gemeinden gibt, die ja auch dann mehrdeutig ist, soziale Sicherheit kann auch soziale Kontrolle bedeuten, man fühlt sich völlig sicher, aber auch etwas unangenehm berührt, wenn dann die Gardinen sich bewegen. Wenn man in die Großstadt geht, diese Luft macht frei, Freiheit bedeutet eben auch, dass man sich unsicher fühlen kann. Es bedeutet aber auch, dass man, wenn man mutig ist, dass man sich sehr wohl fühlen kann.




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